Rede von Dr. Michael Rumpf, Freinsheim am 9. März 2008

  • Sehr geehrter Herr Bürgermeister Bähr,
    sehr geehrte Frau Weingartner,
    sehr geehrte Damen und Herren,


    anläßlich der Verleihung der Hermann Sinsheimer - Plakette an Gabriele Weingartner, einer Autorin, die spätestens seit der Publikation ihres ersten Romans „Schneewittchensarg“ (1996) in der literarischen Welt einen guten Ruf genießt, möchte ich Ihnen die Autorin und ihr Werk in einigen Aspekten vorstellen.

    Zunächst einige, die unvermeidlichen biographischen Daten:

    Frau Gabriele Weingartner stammt aus Edenkoben, besuchte während ihrer bewegten Schulzeit verschiedene Lehranstalten, zuletzt das Gymnasium in Neustadt, und studierte Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin sowie in den USA. Seit vielen Jahren wohnt sie in der Pfalz, in Sankt Martin, und arbeitet als Kulturjournalistin und Literaturkritikerin für die „Rheinpfalz“ und für den Rundfunk. Ihr umfangreiches literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. 1992 mit dem Limburg - Preis der Stadt Bad Dürkheim, 1996 mit dem Martha-Saalfeld-Förderpreis des Landes Rheinland-Pfalz, 2000 mit dem Gerty-Spies-Literaturpreis der Landeszentrale für politische Bildung und 2006 mit dem Hauptpreis der Auszeichnung „Buch des Jahres“ für „Die Leute aus Brody“. Und heute eben mit der Hermann Sinsheimer – Plakette.


    Meine Damen und Herren,


    wenn man einen Roman empfiehlt, schnurrt diese Empfehlung in dem Satz zusammen: „das muß man lesen, das ist toll!“. Liest das Opfer des guten Rates den Roman mit der gebotenen, den Terminen geschuldeten Verzögerung und möchte ihn inhaltlich diskutieren, müssen wir meist passen, wir wissen selten mehr, als daß wir das Buch gut fanden. Die geringe Haltbarkeit des Vergangenen in den Kühlhäusern unseres Bewußtseins, der eine längere Haltbarkeit in den Tiefkühltruhen unseres Unterbewußten entspricht, hat zur überspitzten These geführt, - als gäbe es Thesen, die nicht überspitzten, - von einem Roman behalte man nur einzelne Sätze. Wer erinnerte sich nicht an den berühmten Auftakt zu Tolstois „Anna Karenina“: „Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.“ Ein Satz, der den Hohen Priestern der Individualität zu denken geben kann. Oder der unvergeßliche Anfang von Samuel Becketts „Murphy“, der den Gläubigen des Fortschritts Stirnrunzeln bereiten mag: „Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte auf nichts Neues“. Anfänge haben etwas Kennzeichnendes, jedenfalls bei guten Autoren. In ihren ersten Sätzen setzt Gabriele Weingartner weniger auf Sentenzenhaftes, Allgemeingültiges, sie pointiert das Individuelle und Vorverweisende.

    Der „Schneewittchensarg“, (1996), ein klassischer Entwicklungs- und Bildungsroman, seinem Helden chronologisch über Kindheit, Jugend und Studentenzeit folgend, beginnt ironisch: „Früh schon hatte Kleinmachnow begonnnen, sich mit der Welt zu arrangieren, denn nur wirklich schöne Menschen eignen sich zu Rebellen.“ Der Satz kontrastiert mit der Unauffälligkeit, die Kleinmachnow, der den Wildwuchs seiner Zähne lebenslang verbergen muß, sich notgedrungen zulegt. Seinen Aufstieg in die Gefilde der Grunewalder Villa des berühmten Professors Bienstock verdankt er der erwähnten Fähigkeit, sich zu arrangieren, ein Verb, welchem die Herdenseligkeit der Anpassung fehlt, die es meint.

    Der zweite Roman„Bleiweiß“, (2000), in dem die Chronologie eine geringere Rolle spielt, der die Wirklichkeit stärker als Bewußtseinsfeld abschreitet, beginnt: „Es war erstaunlich, wie leicht sich der Salon von außen öffnen ließ, nachdem Folke erst einmal vorsichtig, eine Stufe nach der anderen, den morschen Aufgang zur Terrasse überwunden hatte.“ Der Satz kommt unscheinbar daher, enthält aber mit den Stichworten „von außen öffnen“, „vorsichtig“, „eine Stufe nach der anderen“, dem „morschen Aufgang“ Motive, die ihre raffinierte Anordnung in der Ausformung des Romans erweisen.

    Im dritten Roman „Fräulein Schnitzler“ (2006) lautet der nun schon unter Bedeutungsverdacht stehende Anfang wie folgt: „Gerade eben hatte der Vater noch mir ihr in der Oper gesessen, sie wußte nicht, ob in Wien oder in Venedig.“ Der Bewußtseinsstrom der Protagonistin Lili Schnitzler, deren Name in den dritten Satz verschoben wurde, beginnt, sich in die Bewußtseinslandschaft des Lesers zu ergießen. Das Innenleben, der zentrale Ort des Lebens, rückt ins Zentrum des Erzählens.

    Doch sind es vielleicht eher Episoden als Sätze, die unserem Gedächtnis, von dessen Unzuverlässigkeit in allen drei Romanen gehandelt wird, haften bleiben. Ich erwähne einige, die mir im Gedächtnis geblieben sind, folge wiederum der Abfolge des Erscheinens der drei Romane.

    Im „Schneewittchensarg“ läßt es der entscheidungsschwache Kleichmachnow zu, daß sich ein nigerianischer Student, Patrick Nogabe, in seiner Berliner Wohnung einquartiert und ihn nach Strich und Faden ausnutzt. Als Kleinmachnow entdeckt, daß Nogabe abends vor einer Totemfigur singt, versteckt er sie - fremde Gäste sind leichter zu ertragen als fremde Götter. Nogabe bemerkt den Frevel und schlägt den unfreiwilligen Gastgeber nieder. Aufklärung dient zuweilen eher den Bedürfnissen des Aufklärers als denen des Aufzuklärenden.

    Im zweiten Roman „Bleiweiß“ muß sich die Hauptperson, der nach der Wiede-rvereinigung in die Kindheits-Villa zurückkehrende Folke vom klumpfüßigen Sohn des Installateurs Ernst Maletzke, der im Haus wohnt und die Vergangenheit hütet, über seinen, Folkes, leiblichen Vater aufklären lassen. Maletzke erzwingt das Zuhören, bis er, vomAlkohol betäubt, vornüber auf den Tisch sinkt. Ungewiß-heit kann etwas Beruhigendes haben, obwohl man ihr das Gegenteil nachsagt.

    Im dritten Roman - „Fräulein Schnitzler“ - will die jung verheiratete Tochter des berühmten Wiener Schriftstellers Arthur Schnitzler in den Freitod gehen und schießt sich mit der Pistole ihres Ehemannes, eines italienischen Faschisten, in die Brust. Im Krankenhaus scheint zunächst alles glimpflich zu verlaufen, da keine inneren Organe verletzt sind, doch die Kugel, aus einer lange unbenutzten Waffe abgeschossen, war verrostet und löst eine Blutvergiftung aus, die Lili das Leben kostet. Die ungebrauchte Waffe war gefährlicher als es eine in Gebrauch befind-liche gewesen wäre. Der Tod, dem Lili bereitwillig den Haupteingang öffnete, kam durch die Hintertür. Feinsinniger läßt sich die Selbstwidersprüchlichkeit der verwöhnten Tochter aus gutem Hause kaum in Handlung umsetzen.


    Meine Damen und Herren,


    Romane ziehen sich zu anekdotischen Episoden zusammen wie Fußballspiele zu Torraumszenen. Was dem Roman die Anekdote, die Episode, ist der Rede ihre These.
    Die These dieser Rede, die ich mit den Griffen in das Füllhorn der Weingartner-schen Epik vorbereiten wollte, lautet: Heute wird eine Autorin geehrt, deren Prosa eine Poetik der Unaufdringlichkeit verwirklicht.

    Gabriele Weingartner gelingt es, die Gebrechlichkeit der Welt darzustellen, die Lügen und Illusionen, die Schäbigkeiten und Schändlichkeiten, ohne sie anzu-prangern. Es findet keine Erhöhung der Übel, aber auch keine Überhöhung der Erlösungen statt; in ihren Sätzen, Kapiteln, Romanen verbirgt sich eine menschen-freundliche Skepsis, deren Zutrauen in die kunstvoll beherrschte Sprache das Gegenmittel gegen die Verzweiflung bereithält. Für sie, die dem Treiben unter Menschen naheliegende Reaktion, böten die Romane Stoff genug.

    - Kleinmachnow lernt die Leiden dessen kennen, der aus dem gesellschaftlichen Nirgendwo kommt und sich eine Stellung erarbeitet, indem er die Seminare seines Politologie-Professors ebenso fleißig besucht wie die Partys der rührigen Gattin, bis er schließlich, der Roman spielt im Spannungsfeld des kalten Krieges, in eine Agententätigkeit für die damalige DDR einwilligt.

    - Folke wird darüber aufgeklärt, daß er die Frucht des regelmäßigen Ehebruchs ist, den seine Mutter während ihrer Sommerurlaube in der DDR mit einem muskulö-sen Streckenarbeiter begeht.

    - Und Lili Schnitzler entdeckt kurz vor ihrem gewollt-ungewollten Freitod, daß ihr athletischer Ehemann Arnoldo Cappellini ein Verhältnis mit ihrer Mutter Olga unterhielt. Es wäre ein Leichtes, nähme man das Geflecht der Nebenfiguren und Nebenhandlungen hinzu, mit dem Proawerk von Gabriele Weingartner einen Beichtspiegel zu bebildern.

    Dieser Realismus ist jedoch weniger theologisch denn historisch grundiert. Spielt der „Schneewittchensarg“ in den Jahren der deutschen Teilung und vor dem Hintergrund der Studentenrevolte in Berlin, umfaßt „Bleiweiß“ die Wendezeit und senkt das Lot der Erinnerung über die Nachkriegszeit in die Schichten des Welt-kriegs und der Hitler-Diktatur, während „Fräulein Schnitzler“ die Geschehnisse zweier Tage im Jahre 1928, dem Todesjahr von Lili, reflektiert, eine bravourös recherchierte Bildkomposition, in deren Hintergrund die Schatten der Kindheit den Kontrast bilden.

    Die historische Grundierung des Erzählens im Prosawerk von Gabriele Wein-gartner zeigt sich in der Bedeutung, die der Erinnerung zukommt.

    - Im „Schneewittchensarg“ erinnert sich der Erzähler mit und für Kleichmachnow, etwa wenn es um die Vergangenheit des Vaters geht, der früh aus seinem Leben verschwunden ist und von den Frauen, unter denen Kleichmachnow aufwächst, in die Bedeutungslosigkeit des Unerzählten verwiesen wird.

    - In „Bleiweiß“ wandert die Erinnerung ins Innere Folkes, sie wird ergänzt durch die Erinnerung von Maletzke, in beiden Fällen spielen Erinnerungen an Erinne-rungen dritter eine Rolle. Das Indirekte dominiert, wozu die souveräne Hand-habung der indirekten Rede entscheidend beiträgt. Folke erinnert sich zu Beginn des Romans an die Klavierkünste seiner Großmutter, am Ende des Romans wird er sich wieder erinnern und in einer Art Warenlager von Erinnerungsstücken den grünen Filzschal finden, den die Großmutter nach Hauskonzerten feierlich „über die Tasten zu legen pflegte, daß sie bei dieser Zeremonie einem katholischen Priester bei der Messe glich.“

    - Der Roman „Fräulein Schnitzler“ feiert selbst eine Messe der Erinnerung. Lili, das verwöhnte Gör. kommt morgens nicht aus dem Bett, später nicht aus dem Nachthemd ihres Vaters – ist inzestuös gefärbte Liebe je feinsinniger angedeutet worden? – und ihr Gang durch Venedig gehört nicht minder als ihre Häuslichkeit den Erinnerungen. Die Familie, die Bekannten, vor allem aber den Ehemann Ar-noldo Cappellini lernt der Leser nur als Erinnerung Lilis kennen, nur aus ihrer Perspektive, die im Roman brillant durchgehalten wird.

    Erinnerungen machen das Leben aus. Bei aller Idolatrie der Gegenwart, die der Genußgesellschaft als einzige Zeitform gilt, sei nicht vergessen, daß wir das sind, woran wir uns erinnern. Nie ist Vergangenheit anders als in ihrer Brechung durch uns zugänglich, wir sind unser eigener Rückblick und sehen noch die Zukunft in seinem Nachschein. Wir sind die Erzählung unseres Lebens, von daher ist Erzäh-len immer Erinnern, auch dann, wenn es dies nicht in so reflektierter und unauf-dringlicher Weise kundgibt wie im Werk Gabriele Weingartners. Wenn Erinne-rungen so kunstsinnig erzählt werden, verwandeln sie sich in der Imagination der Figuren wie des Lesers, sie erfahren eine Art Auferstehung, in der das Düstere aushaltbar wird, ein Vorgang, der in seiner Unaufdringlichkeit sehr menschlich wirkt. Der Impuls vieler Passagen ist dementsprechend das wiedererweckende Aufbewahren, das Unaufdringlichkeit bei den historischen Bezügen wie bei den psychologischen Erkundungen vollkommen wahrt.

    Kunst ist in gewisser Hinsicht die Verweigerung des Zufalls. Es ist kein Zufall, daß der erste Roman eine eindringliche Episode – Sie erinnern sich an das Stich-wort des Anfangs -, enthält, in welcher Kleinmachnow sich mit seinem zukünf-tigen Agentenführer Leo in einer Berliner Gipserei verabredet, die von ägyp-tischen Fischern über „helmbewehrte Ritter“ und Adler einer preußischen Be-hörde alles im Angebot hat.

    - Und es ist kein Zufall, daß in dem schon erwähnten Warenlager der herrschaft-lichen Leewensteinschen Villa Nippes und Tinnef die Haken bilden, an denen sich der Hut der Erinnerung aufhängen läßt. Alles, was war, soll in den Zustand über-führbar bleiben, nicht nur gewesen zu sein.

    - Für Lili Schnitzler bildet ihre Sammlung der Plakate und Programmhefte von Kinofilmen die Möglichkeit, sich ihrer Vergangenheit zu vergewissern, deren Träume sie fortträumt, da das Venedig der Gegenwart mit ihrer scheiternden Ehe und einer ungewollten Schwangerschaft dem Wien der Kindheit nicht gleich-kommen kann, mögen beide Städte noch so verwandt sein in ihrer Morbidezza, ihrer Todeskoketterie.

    Sammeln ist keine atavistische Tätigkeit, die Autorin Gabriele Weingartner de-monstriert seine Modernität, sie ist eine Menschensammlerin, eine Geschichten-sammlerin, eine Wörtersammlerin, für die ihre Kritik an der Schamlosigkeit von Erzählern, die sich an ihren eigenen Worten berauschen, nicht gilt. Wörter sind gesellige Wesen, die sich wie die Menschen untereinander wohl fühlen, auch wenn ihnen manche Autoren Kargheit als Gegenmittel gegen das Wohlige veror-dnen. In Venedig besucht Lili Schnitzler gerne die Frau eines Buchdruckers, Signora Livio, eine unerschöpfliche Quelle von Geschichten. Wenn keine Kund-schaft stört, ist Signora Livio besonders gesprächig, sie schlägt den Boden von ihrer eigenen Geschichte zu vielen Liebes- und Ehetragödien, die sich rund um den Platz abgespielt haben oder im Gange sind. Eines gibt das andere, und das andere nimmt es gerne.

    In besonderer Weise vollzieht sich die Unaufdringlichkeit der Humanität in der für Gabriele Weingartners Prosa typischen Kunst der Vermutung.

    - Im „Schneewittchensarg“ erinnert sich Kleinmachnow, wie stark ihn als Kind Knöpfe und Nähgarnrollen anzogen, wie seine Phantasie sie zu Bergen wachsen ließ, obwohl es wahrscheinlich nur harmlose Schachteln waren. Häufig erfährt der Leser die Vermutungen in Frageform, etwa wenn Kleinmachnow darüber grübelt, ob Professor Bienstock in andere Wirklichkeiten schauen könne.

    - In „Bleiweiß“ sind Folkes Erinnerungen durchsetzt mit Vermutungen. Er rätselt über die einer Schminkschicht verdankte Blässe seiner Schwester Cordelia, er konjugiert die Männer der Umgebung durch, die die große Liebe seiner Mutter gewesen sein könnten, wird schließlich die Wahrheit über die amour fou erfahren, um die es im Roman geht.

    - Im „Fräulein Schnitzler“ sind „vielleicht“ und „wahrscheinlich“ die bevorzugten Modaladverbien . In Tagträumen füllt Lili das unbekannte Vor- und Innenleben anderer mit Vermutungen, die dem Geschehen etwas Schwebendes geben. Sogar ihr eigenes Verhalten bedarf der auffüllenden Mutmaßung. Da Lili sich nicht erin-nern kann, bleibt unklar, ob sie in dem entscheidenden Gespräch mit Arnoldo deutsch oder italienisch gesprochen hat..

    Gabriele Weingartner konterkariert die Rolle der allwissenden Erzählerin, die sich in Gedanken und Gefühle ihrer Figuren hineinversetzt, sie hebt diese Rolle auf und spielt sie zugleich und führt den Leser auf unaufdringliche Weise. Ebenso gelingt es ihr, Natürlichkeit und Künstlichkeit des Erzählens in Waage zu halten. Einerseits wird das Erzählte durch die Alltagsnähe beglaubigt, da gibt es die Straßen und Orte Berlins, die geographischen Details Ostdeutschlands, die italienischen Einsprengsel und Einzelheiten, da sind die mannigfachen Dürfte, die verwickelten Familienverhältnisse der drei Romane, die sich von der familien- und bezugspersonenlosen Ichheit mancher Zeitgenossen wohltuend unterscheiden. Gleichzeitig macht Gabriele Weingartner von der Lizenz des Autors zur Phantasie Gebrauch und verblüfft in „Bleiweiß“ damit, daß Folke zum Anhören der eigenen Geschichte mit vorgehaltener Pistole gezwungen wird, während Lili Schnitzler 100 Seiten nach Romanbeginn immer noch im Nachthemd ihres Vaters in der Küche herumlungert und nichts getan hat, als sich ihren Reminiszenzen hinzu-geben. Vermutungen halten die Wirklichkeit in Schach, wir können ihrer nicht entbehren, trösten uns mit ihnen, vielleicht vorschnell, sie fungieren im Erzählten nämlich als Gewißheiten, obwohl sie ihnen entgegenstehen. Nie wird der morali-sche oder der ästhetische Zeigefinger gehoben, Gabriele Weingartner bevorzugt den aufmerksamen Leser, der seinen Zeigefinger an Nase oder Stirn legt.


    Mein sehr geehrten Damen und Herren,


    eine der großen Leistungen der Literatur und eine, die sie unverwechselbar und unersetzbar macht, ist es, daß sie uns Einblick gewährt in das Innenleben anderer Menschen und es dadurch ermöglicht, quasi ein zweites, ein vielfaches Leben zu leben. Vom geglückten Leben erwarten wir, daß es keine Lücke enthält, durch welche die Sehnsucht, ein anderes Leben als das eigene leben zu können, eindrin-gen könnte. Geglücktheit ist Alternativlosigkeit. Glück ist Alternativlosigkeit. Aber wie lange halten wir Glück durch? Nach Goethes weiser Skepsis nicht län-ger als ein paar Tage. Dann bedürfen wir wieder einer Möglichkeit, unsere Sehn-sucht zu stillen, ein wenig jedenfalls, und wir tun dies im Umgang mit Kunst im allgemeinen, mit der Literatur im besonderen.

    Aus den vielfältigen Ingredienzen, aus denen die literarische Köchin ihre poetischen Suppen zaubert, habe ich vier hervorgehoben:

    1. die Kunst des Beobachtens, somit den historischen und menschenkundig psy-chologischen Realismus – Gabriele Weingartners Romane sind geschichtlich verortet, ohne Geschichte zur Lehrmeisterin einer Ideologie zu machen, sie sind welthaltig, ohne sich den Möglichkeiten der Fiktionalität zu versagen;

    2. die Kunst des Erinnerns, in der die Erinnerungsarbeit über das Persönliche hinaus ins Gesellschaftliche geht und in das, was das Gesellschaftliche grundiert, ins Menschliche;

    3. die Kunst des Vermutens, die zu einer Poetik des Womöglich, des Könntesein, des Fragezeichens führt. Im Vermuten siegt die Subjektivität über die Objekti-vität - ohne die Beimischung des Ich wird der Teig der Wirklichkeit nicht auf-gehen.

    4. die Kunst des Verknüpfens, des Komponierens, der die Andeutungen einholen-den Durchführung, an die sich die Vermutung anschließen ließe, eine Welt, in der der menschliche Geist Literatur diesen Niveaus hervorbringt, könne nicht völlig verderbt sein. Literatur zeigt in der Anordnung der Erzählelemente ein Bedürfnis nach Zusammenhängen, welches die Realität desavouiert. Die Fäden werden gezogen, und wir Leser zupfen an ihnen, um uns ihrer kunstvollen Verwicklung zu vergewissern, auch wenn im wirklichen Leben die Ereignisse, die Personen, das Zustoßende und Begegnende in jener eigentümlichen Unverbundenheit blei-ben, die landläufig als ‚Zufall’ apostrophiert wird.


    Meine sehr geehrten Damen und Herren,


    es ist kein Zufall, daß Gabriele Weingartner und ihre hohe Kunst, ihre den Leser ernst nehmende Poetik der Unaufdringlichkeit geehrt wird. Gabriele Weingartner hat jede Ehrung mehr als verdient. Für sie gilt, was Lessing über den großen Lyri-ker Klopstock epigrammatisch gesagt hat:

    Wir wollen weniger erhoben
    und fleißiger gelesen sein.

    Die Lektüre, verehrte Anwesende, lohnt sich, auch wenn sie, wie anfangs ange-deutet, in ferner Zukunft auf das Nachglimmen von Sätzen, von Episoden, von Gutgefundenhaben zusammenschnurren mag.

    Daß Literatur die Welt verändert, diese Hoffnung teile ich nicht. Aber sie macht die Welt, diese Hoffnung teile ich, erträglicher. Daß Sie, Herr Bürgermeister und durch Sie die Stadt Freinsheim in Erinnerung an Hermann Sinsheimer Gabriele Weingartner auszeichnen, womit dieser, wie ich vermute, sehr einverstanden gewesen wäre, bestätigt die Erträglichkeit der Welt. Dafür möchte ich Ihnen danken.